Neu in Deutschland - Nr. 11

3 Syrische Supermänner Von Omar Alnabulsi In Syrien denken die Frauen, dass die Männer Supermänner sind. In der Familie ist der Mann für alles zuständig, was ka- putt geht oder bezahlt werden muss. Weil es kein Kindergeld gibt, sorgt der Vater für die Ernährung der Kinder – von der Geburt bis zum Studienabschluss. Wenn die Frau nicht arbeitet, geht ein Teil des Gehaltes jeden Monat an die Frau. Außerdem be- kommt die Frau Schmuck, Handys und vieles mehr. Wenn die Familie beschließt, dass am Wochenende gegrillt wird, ist völ- lig klar, wer den Abend damit verbringt, das Fleisch auf dem Grill zu drehen. Wenn die Familie beschließt, dass die Kinder schwimmen lernen sollen, ist das meist die Aufgabe des Mannes (wobei ich selbst das Schwimmen von meiner Oma gelernt habe). Wir syrische Männer müssen übrigens schon vor der Hochzeit beweisen, dass wir bereit sind, bestimmte Aufgaben zu über- nehmen. Wer in Syrien eine Freundin oder Verlobte hat, braucht Zeit und Geld. Denn ihr Wunsch ist ab sofort Gesetz. Wenn sie einen Ausflug machen will, suchen wir Männer ein passendes Ausflugsziel. Was sie sich im Restaurant bestellt, bezahlen wir. Wenn das Auto unserer Freundin nicht mehr anspringt oder ihr Fahrrad einen Platten hat (was zugegebenermaßen in Syrien seltener vorkommt, weil wir in der Regel mit dem Auto fahren), dann bringen wir Männer das Auto in die Werkstatt oder flicken das Loch im Fahrradschlauch.. Zum Glück müssen wir in Syrien selte- ner zu irgendwelchen Ämtern gehen und komplizierte Formulare ausfüllen. Aber selbstverständlich erwartet die syrische Frau, dass der Mann diese Aufgabe für sie erledigt. Was aber, wenn dieser syrische Mann in seiner Heimat alles zurückgelas- sen hat und seit wenigen Jahren in einem neuen Land lebt? Wenn er dort noch keine Arbeit gefunden hat und somit über wenig Geld verfügt? Wenn er die neue Sprache und dazu die Behördensprache noch nicht ganz beherrscht? Wenn in diesem neuen Land andere Verhaltensregeln gelten? In Deutschland lernt der syrische Super- mann eine deutsche Frau kennen, die ar- beitet, eine eigene Wohnung hat, Reifen flickt und ihr Auto regelmäßig zum TÜV bringt. Wer bezahlt die Rechnung im Re- staurant? Eine Zeitlang halten wir syrische Super- männer uns mit Tricks über Wasser. Wir sagen zum Beispiel zu unserer deutschen Freundin: „Weißt Du, was ich heute Mor- gen im Radio gehört habe? Sie sagten dort, dass Du mich heute auf einen Kaf- fee einlädst. Stimmt das?“ Oder: „Heute Nacht habe ich geträumt, dass wir beide in einem Restaurant einen sehr schönen Abend verbrachten – und Du hast die Rechnung bezahlt. Das war toll!“ Richtig schwierig wird es, wenn ein syri- scher Mann, der neu in Deutschland ist, eine Frau mit syrischen Wurzeln kennen- lernt, die jedoch in Deutschland geboren wurde. Diese Frau kennt unsere Traditi- onen. Sie liebt es, dass wir orientalische Supermänner gerne alles bezahlen. Viele von uns haben in Deutschland außerdem gelernt zu kochen, zu putzen, zu bügeln. Unsere syrischen Super-Mamas haben uns das in den ersten Monaten per Te- lefon und Skype beigebracht; außerdem gibt es jede Menge YouTube-Videos dazu. Wir bringen also das Auto unserer deutsch-syrischen Freundin in die Werk- statt, während sie zur Arbeit oder tanzen geht. Ich weiß, dass die Deutschen andere Vor- stellungen über die Rollen von Männern und Frauen haben. Ich weiß auch, dass es syrische Frauen und Männer gibt, die anders denken. Und natürlich habe ich in meinem Text nur über die Männer und nicht über die Aufgaben der Frauen ge- schrieben. Aber eines weiß ich auch: Die Sache ist kompliziert! Foto neu In der syrischen Gesellschaft ist relativ klar, wie die Rollen zwischen Mann und Frau verteilt sind. Wenn Männer und Frauen mit syrischen Wurzeln in Deutschland leben, ist nur eines klar: Es wird verdammt kompliziert. Omar Alnabulsi, Foto: Sandra Schuck Ic h staune üb er die Kraft und Präsenz der Frauen in Europa. www.nid-zeitung.de zeitung über flucht, liebe und das leben neu in deutschland

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