neu in Deutschland | Nr. 15

10 Rasha Halabi Rasha Halabi Foto: privat Heimatlos Vor drei Jahren wurde ich in meinem Deutschkurs gebeten, etwas über meine Heimat zu erzählen. Ich fragte mich: Sollte das ein Witz sein? Wie soll eine Geflüchte- te, die gerade dabei ist, die Kunst der Inte- gration zu erlernen, mit den wenigen deut- schen Wörtern, die sie besitzt, eine Brücke bauen, die sie in ihre Heimat zurückträgt? Doch was sein soll, soll sein. Also begann ich, mit den wenigen Wörtern und gramma- tischen Regeln, die ich gelernt hatte, meine Heimat zu beschreiben, die ich vermisse, sobald ich aus meinem Fenster schaue. Ich erzählte auch davon, dass ich mich in Berlin heimatlos fühle. Eine katastrophale Ausgangsposition für eine gelungene Inte- gration. Tatsächlich erhielt ich im Laufe der Zeit jedoch für viel Lob und Anerkennung für mein hohes Maß an Integration in nur kur- zer Zeit. „Du hast dich gut integriert!“ Auf diesen Satz finde ich bis heute keine pas- sende Antwort. Wirklich? Hatte ich etwa für einen Augenblick vergessen, dass ich nicht hierher gehörte? Dass ich ein Neuling war, von einem fernen Ort namens Zuhau- se? Wie auch immer, ich habe stets mein Bes- tes gegeben, um in Berlin ein stabiles, un- abhängiges Leben führen zu können. Mei- ne Trauer und meine Tränen habe ich in mir vergraben. Denn mir war klar: Rückschritte sind nicht erlaubt, Mutlosigkeit ist verbo- ten, Aufgeben untersagt. Ich verwandelte mich in ein laufendes Radargerät; meine Ohren waren überall auf Empfang. Jedes Wort, jede Information lernte ich auswen- dig. Meine Augen tränkte ich mit Bildern aus der neuen Welt, bis sie vertrauter er- schien. Meine Stimmbänder trainierte ich darin, auf bis dahin unbekannte Weise zu vibrieren und neue Buchstaben hervorzu- bringen. Mein Geruchssinn gewöhnte sich an Pommes, Würste, Brezeln, deutsches Bier. Für die Sonne erfand ich Ausreden, um ihre lange Abwesenheit rechtfertigen und im Winter nahm ich den Schnee mo- natelang als schwierigen Gast bei mir auf. Meine Schuhe ersetzte ich durch Snea- kers, meinen Füße gewöhnte ich einen Laufschritt an, damit ich überall pünktlich ankomme. An die Stille in den Häusern kann ich mich jedoch nur schwer gewöhnen und freue mich, wenn ich die Schritte meiner Nach- barin bemerke. Mein altes Konzept von Nachbarschaft wurde durch ein neues er- setzt; es verkürzte sich auf einen Gruß. Für jede mir zugedachte Minute war ich von Herzen dankbar und werde es immer sein; für jede Hilfe, die mir den Weg er- leichtert, jede Antwort, die mir mühsames Suchen erspart, für jedes ermutigende Wort, jede herzliche Einladung, die meine Einsamkeit lindert. Ich danke meinen neu- en Freunden für gemeinsame Zeit und ihre große Bereitschaft zu helfen. Ohne sie hät- te ich nicht überlebt. Lasst mich heute, drei Jahre später, wieder über meine Heimat sprechen. Kein Tag ist vergangen, an dem ich Damaskus nicht vermisst habe. Wie ich mich nach der Lie- be sehne, die nicht die erste und nicht die letzte sein will, denn Damaskus versprühte eine Menge Jasmin, dessen Duft ich un- möglich aus meinem Gedächtnis löschen kann. Wie ich mich nach den Menschen sehne, die mein Lachen und meine Tränen, meine Erfolge und Fehler begleitet haben, bis sie mich besser kannten, als ich mich selbst. Trotz der langen, tränenreichen Nächte, die mich erwarten, wenn ich daran zurückden- ke; trotz der Beklemmung die ich bis heute spüre, wenn ich am Hauptbahnhof einfah- re (meinem ersten Ankunftsort in Berlin); und obwohl ich mir sicher bin, dass ich niemals den Moment verwinden kann, in dem ich meine Heimat verlassen musste, den Moment, als ich aus der Tür eines Hau- ses trat, das voller Menschen war, die mir für immer die liebsten im Herzen bleiben werden (werde ich sie je wiedersehen?)... All dies hat Berlin nicht davon abgehalten, seinen Weg in mein Herz zu finden. Berlin ist meine neue Station und ich wer- de sie mit Leben füllen, wie ich es mit mei- nen vorherigen Stationen getan habe; mit Freundschaft, Leidenschaft, Freude und Optimismus; mit einer Mischung aus alten und neuen Gewohnheiten; mit Respekt für die Vergangenheit, Liebe für die Gegen- wart und Hoffnung für die Zukunft. Habe ich mich gut integriert? Das ist egal. Für mich war es nie wichtig, wie andere über mich urteilen und wie sie mich einschät- zen. Das soll nicht meine Sorge sein. Übersetzung aus dem Arabischen: Rasha Halabi, Amel Fellah, Bearbeitung: nid Mit wie vielenWörtern lässt sich die Sehnsucht nach der eigenen Heimat beschreiben? Und wer vermag eigentlich zu beurteilen, ob ich gut integriert bin? Von Rasha Halabi

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